Es gibt keinen freien Willen im Geist
Formale Aussage
Im Geist gibt es keinen absoluten oder freien Willen; der Geist wird bestimmt, dies oder jenes zu wollen, durch eine Ursache, die ihrerseits durch eine andere Ursache bestimmt ist, und diese durch eine weitere, und so fort bis ins Unendliche.
In einfacher Sprache
Schritt 2 (df-02) hat den freien Willen in Gott geleugnet; dieser Schritt leugnet ihn in uns. Der Geist ist ein bestimmter Modus des Denkens -- kein mysteriöser Selbstbeweger, sondern ein Glied in einer unendlichen Kausalkette. Jede Willensäußerung ist bestimmt. Das Empfinden, man 'hätte anders handeln können', rührt von inadäquater Selbsterkenntnis her: Du kennst das Ergebnis deiner Überlegung, aber nicht alle Ursachen, die es hervorgebracht haben. Das ist nicht deprimierend -- es ist diagnostisch. Es sagt uns, wo wir nach genuiner Freiheit suchen müssen: nicht im unverursachten Wollen, sondern anderswo.
Warum dies folgt
Schritt 2 (df-02) hat den freien Willen von Gott entfernt. Schritt 8 (df-08) hat gezeigt, dass der Geist adäquate Erkenntnis von Gottes notwendigem Wesen hat. Nun wendet Spinoza die Schlussfolgerung direkt auf den menschlichen Geist an: Da der Geist ein Modus Gottes ist und alles in Gott notwendig folgt, ist der Geist selbst bestimmt. Die antivoluntaristische These ist sowohl von der kosmischen als auch von der menschlichen Seite her gesichert.
Die Leugnung des freien Willens steht nun für Gott und den menschlichen Geist gleichermaßen fest.
Verknüpfte Begriffe
Wenn es keinen freien Willen im Geist gibt, kann Spinoza dann noch sinnvoll zwischen einem Menschen, der weise handelt, und einem, der töricht handelt, unterscheiden?