Der freie Mensch: mutig, aufrichtig und freier in der Gesellschaft
Formale Aussage
Die Tugend des freien Menschen zeigt sich ebenso groß, wenn er Gefahren meidet, wie wenn er sie überwindet. Der freie Mensch handelt niemals arglistig, sondern stets aufrichtig. Der vernunftgeleitete Mensch ist freier in einem Staat, in dem er unter einem allgemeinen Gesetzeswerk lebt, als in der Einsamkeit, wo er unabhängig ist.
In einfacher Sprache
Spinoza zeichnet ein Porträt des freien Menschen, das auffallend antiheroisch ist. Mut ist nicht tollkühne Tapferkeit, sondern das vernünftige Vermeiden unnützer Gefahren. Ehrlichkeit ist keine sentimentale Tugend, sondern eine Folge der Vernunft: Täuschung untergräbt das Vertrauen, das vernünftige Zusammenarbeit erfordert. Und die überraschendste Behauptung: Du bist unter dem Gesetz freier als in der Isolation, weil eine Rechtsgemeinschaft die dir verfügbaren vernünftigen Ressourcen vervielfacht. Freiheit ist nicht das Fehlen von Beschränkung -- sie ist das Vorhandensein vernünftiger Struktur.
Warum dies folgt
Die Schritte 15-16 (df-15, df-16) haben gezeigt, dass Freiheit sozial und lebensorientiert ist. Dieser Schritt konkretisiert diese Abstraktionen zu praktischen Tugenden. Wenn vernünftige Akteure im Wesen übereinstimmen (df-15) und sich auf das Leben statt auf den Tod konzentrieren (df-16), wird der freie Mensch naturgemäß mutig, aber besonnen sein, aus Prinzip aufrichtig und der Rechtsgemeinschaft zugeneigt statt der Isolation.
Freiheit drückt sich in Mut, Aufrichtigkeit und bürgerlichem Leben aus -- nicht in Rebellion oder Isolation.
Spinoza sagt, du seist unter dem Gesetz freier als in der Einsamkeit. Widerspricht das der Vorstellung, Freiheit bedeute Unbeschränktheit? Was definiert Spinoza hier um?