Jedes Attribut wird durch sich selbst begriffen
Formale Aussage
Jedes einzelne Attribut der einen Substanz muss durch sich selbst begriffen werden. Ein Attribut ist das, was der Intellekt als das Wesen der Substanz ausmachend wahrnimmt (Def.4), und die Substanz wird durch sich selbst begriffen (Def.3). Folglich muss auch jedes Attribut als Ausdruck des Wesens der Substanz durch sich selbst begriffen werden.
In einfacher Sprache
Dieser Lehrsatz leistet entscheidende Arbeit: Er garantiert, dass die Attribute begrifflich voneinander unabhängig sind, obwohl sie alle ein und derselben Substanz angehören. Das Denken erklärt nicht die Ausdehnung, und die Ausdehnung erklärt nicht das Denken -- jedes ist in seinen eigenen Begriffen verständlich. Dies erlaubt es Spinoza später, die Wechselwirkung von Geist und Körper abzulehnen, ohne in den Dualismus zu verfallen. Die Attribute sind unterschiedliche Weisen, eine Wirklichkeit zu verstehen, keine getrennten Wirklichkeiten.
Warum dies folgt
Nach Def.4 (gs-02) ist ein Attribut das, was der Intellekt als das Wesen der Substanz ausmachend wahrnimmt. Nach Def.3 (gs-01) wird die Substanz durch sich selbst begriffen. Das Attribut, das ja das Wesen der Substanz ist, wie der Intellekt es erfasst, muss daher ebenfalls durch sich selbst begriffen werden -- nichts Äußeres vermittelt dieses Begreifen.
Attribute sind begrifflich voneinander unabhängig, obwohl sie alle zu einer Substanz gehören.
Verknüpfte Begriffe
Wenn jedes Attribut durch sich selbst begriffen wird, wie können dann alle derselben Substanz angehören, ohne dass diese Substanz zersplittert?